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06 November 2016

Des Einen Fernreise ist des anderen Heimaturlaub

 
Sorry, lange nichts gepostet. Dafür habe ich Israel mit dem Zeichenstift u n s i c h e r gemacht. U n s i c h e r hab ich mich allerdings nirgendwo gefühlt, was manchen Europäer verwundern mag. Nicht mal in dem zwar multiethnischen aber vorwiegend muslimisch-arabischen Kiez in Jaffa, wo meine Tochter Sarah mit ihrer Familie neben der Moschee wohnt.

Oft kommt der Imam sandalenbeschuht mit frommem Bart und wallender Djalabiah seine züchtig Hijab-verhüllte Mutter besuchen, die im Erdgeschoss unter meiner Familie wohnt. Wenn meine unreligiöse Tochter ihre streng muslimischen Nachbarin im Treppenhaus trifft, begrüßen sich die beiden Frauen Bussi-Bussi-mässig mit Wangenkuss und ratschen freundlich ein wenig miteinander so wie überall auf der Welt Nachbar(inne)n miteinander smalltalken. Kein Bisschen beleidigt bin ich, weil mir die fromme Muslima nicht die Hand reicht, sondern entschuldigend lächelnd mit der mir verweigerten Hand auf ihren Hidschab zeigt (von den Kolonialbriten blöd als Hijab transliteriert). Warum sollte ich ihr deswegen gram sein? Fromme Jüdinnen schütteln Männern auch nicht die Hand. In meiner Synagoge in München begrüße ich die Damen mit Kopfnicken und überlasse es ihnen, mir die Hand zu reichen oder auch nicht.
Schnell habe ich mich daran gewöhnt, dass die Wohnungstür den ganzen Tag offen steht und jede/r ein- und ausgehen kann. Dafür kann ich es mir im schattigen, offenen und luftig-kühlen Treppenhaus (draussen immer noch30 Grad) mit meinem Laptop gemütlich machen und arbeiten – ja und natürlich mit den Nachbarn ratschen, was dazu gehört.

Anders als im europäischeren Nord-Tel-Aviv wird auch das Auto nicht abgeschlossen – trotz Gepäck etc. „Wenn man Angst hat, passiert genau das, wovor man Angst hat“, belehrt Sarah ihren Vater (der offenbar schon viel zu lange in Europa gelebt hat). Schnell gewöhne ich mich an den melodischen Aufruf zum Gebet des elektronisch superverstärkten Muezzins, der sich mit dem bayrisch-anheimelnden Klang der Kircheglocken mischt.
Außerhaus habe ich in meinem Stamm-Café im Kiez mein mobiles Atelier aufgeschlagen, zeichne dort und schreibe, lese und denke nach. Die Wirtin (ich nenne sie jetzt mal Aisha -  natürlich heißt sie anders) liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, und die Tagesrechnung ist lächerlich klein, obwohl Tel Aviv als eine der weltteuersten Städte gilt. Am Freitag Nachmittag hilft ihr eine Freundin beim wöchentlichen Großreinemachen. Die beiden Frauen plaudern in einem seltsamen Arabisch mit einander: Ihre Unterhaltung ist mit so vielen hebräischen Wörtern durchsetzt, dass ich fast alles verstehe. Es ist die „Geheimsprache“ eines Liebespaars, stellt sich heraus. Aisha, „schwarzes Schaf“ einer alteingesessenen, muslimischen Jaffa'er Familie hat ihren Clan gut erzogen. Es muss ein hartes Stück Arbeit gewesen sein. Aisha's Mutter, die auch zum Helfen kommt, küsst und umarmt die jüdische „Schwiegertochter“ liebevoll. Natürlich will sie mir auch demonstrieren, dass Ronit, Spross jüdischer Flüchtlinge aus dem Unabhängigkeitskrieg wirklich „dazugehört“. Das Liebespaar wohnt zusammen im jüdischen Rishon Lezion im Dunstkreis von Ronits Familie und feiert alle jüdischen und muslimischen Feste „streng kulinarisch“. Wie schön, dass man unter Autobomben, Messerattaken und Militärwillkür verborgen manches tröstlich Schöne finden kann, wenn man nur danach sucht, zum Beispiel in Jaffa der vier Jahrtausende alten Schmelztiegel-Stadt der Andromeda, von der Jonah (lutherverballhornt: Jonas)einst aufgebrochen war zu seiner missglückten Flucht nach Übersee.
Gershom von Schwarze
5.11.2016 Die Skizzen: Lamy Schulfüller überlaviert und Aquarell

04 May 2015

DAS PITTORESKE IM ALLTÄGLICHEN von Gershom von Schwarze

DAS PITTORESKE IM ALLTÄGLICHEN

zu finden ist eine Herausforderung für Urban Sketcher - sonst würde man ja nur im Urlaub zeichnen, dort wo man nicht zu Hause ist. Ich hab mir das Thema mal vorgenommen: die ersten zwei Skizzen sind meine beiden Lieblingskaffeehäuser in Israel, das erste in Jerusalem, das zweite in Tel Aviv, vertraute Orte ohne jede Exotik. Im Nachhinein betrachtet, sagen die beiden Skizzen nicht nur Wesentliches aus über das unterschiedliche Ambiente beider Cafés sondern vor allem auch über die gegensätzlichen Charakteristika beider Städte: Der introvertierte Raum voller Bücher vs das hektische Strassencafé namens "the streets" so wie das übermässig heiligmässige Jerusalem sich von der hektischen Mittelmeermetropole absetzt, die laut Eigenwerbung niemals schlafen geht.

 Mit diesen 2 Skizzen hatte ich mein Thema im Fokus. Als nächstes kam die Auer Dult an die Reihe, ein mehrmals im Jahr stattfindender Trödelmarkt so münchnerisch-unexotisch wie der Schefflertanz am Marienplatz oder der Blick auf die Zugspitze bei Föhn. Und doch hat mir das zeichnerisch auf die Pirsch gehen soviel Spaß gemacht, wie ich ihn nicht besser hätte empfinden können beim zeichnerischen Ergründen atavistischer Initiationsriten eines bis dato unentdeckten Naturvolks (Skizze Nr. 3 - 5).

 Von da bis zu einem wirklich heidnischen Ritual, dem Fruchtbarkeitstanz um den Riesenphallus des Maibaums. Glücklicher Weise war der erste Mai derart verregnet, dass es wirklich nur die ganz hartgesottenen Mai- Enthusiasten waren, die mir vor den Zeichenstift kamen. Ich bilde mir ein, es kommt bei den Skizzen (Nr.6 -7) etwas rüber von dem heidnisch-vorkatholischen Atavismus eines in seiner Alltäglichkeit gewiss nicht exotisch anmutenden verregneten Feiertags.

Ich freute mich an meiner Ausbeute und zeigte sie nicht ohne Stolz meiner Frau Silvia Götz. Wortlos holte sie eine Blatt hervor aus der tiptop geordneten Sammlung ihrer Zeichnungen, das sie vor vielen Jahren gemacht hatte für ihre Bewerbungsmappe für die Akademie: Eine Steckdose in einer Wand mit Raufasertapete. Letztere war unglaublich perfekt gezeichnet in all ihrer Retrohässlichkeit, die doch vor gar nicht allzu langer Zeit noch als comme il faut gegolten hatte.

 Ich war beruhigt. Es hatten sich vor mir bereits Künstlerkollegen die verstiegene Aufgabe gestellt, zu ergründen, was es denn nun sein könnte.

Lieblingskaffeehaus in Israel
Lieblingskaffeehaus in Israel
Sketchcrawl Auer Dult
Sketchcrawl Auer Dult
Sketchcrawl Auer Dult
1.Mai Hans Mielich Platz
1. Mai Hans Mielich Platz